Johann Heinrich Pestalozzi

Johann Heinrich Pestalozzi (1746 - 1827),

ein Zeitgenosse Goethes, stammte aus einer in Zürich ansässigen Familie norditalienischer Herkunft. Seine geistige Prägung erfuhr er vor allem durch humanitär und patriotisch ausgerichtete Lehrer. Rousseaus ,,Emile" und der ,,Contrat Social" begeisterten ihn. Seine Mitgliedschaft bei den Patrioten, einer Art Bürgerrechtsbewegung gegen Ungerechtigkeit der Behörden, brachte Pestalozzi Schwierigkeiten und sogar einige Tage Arrest. Eine Rückkehr zur Natur im Sinne Rousseaus sahen die Patrioten in der bäuerlichen Berufstätigkeit. Pestalozzi wollte Erziehung und Landwirtschaft miteinander verbinden. 1769 kaufte er bei Birr den Neuhof und betrieb ihn gemeinsam mit Kindern ,,aus dem niedersten Stand der untersten Menschheit". Die Kinder sollten Elementarkenntnisse in der Landwirtschaft erwerben und das Baumwollspinnen lernen. Dadurch - dies war Pestalozzis Konzeption - würden sich die Lebensbedingungen und Berufsaussichten seiner Schützlinge bedeutend verbessern. Der Gedanke der ,,Hilfe zur Selbsthilfe" nahm hier erstmals konkrete Formen an. Während der nächsten Jahre übernahm Pestalozzi die Leitung verschiedener Schulen und Erziehungsanstalten. Während dieser Zeit begann eine reiche schriftstellerische Tätigkeit, um die Welt für die "Armenerziehung" zu gewinnen.

Pestalozzi hat, insbesondere zwischen 1780 und 1800, bedeutende Wandlungen in seinem Denken durchlaufen. Bis über sein 50. Lebensjahr hinaus war er auf der Suche nach dem Wesen des Menschen. Er ließ dabei Rousseau, von dem er während seiner Studentenzeit so begeistert war, bald hinter sich, indem er dessen harmonistisches Menschenbild zu Gunsten einer Vorstellung überwand, die von vornherein mit der Gespaltenheit des Menschen rechnet. So hob er von der animalistischen (tierischen, sinnlichen, niederen) Natur die geistige (höhere, göttliche) des Menschen als prinzipiell wesensverschieden ab.

,,Die sogenannte ‚niedere' Natur umfaßt im wesentlichen all das, was der Mensch mit dem Tier gemein hat: seine physische Existenz und damit verbunden seine Sinnlichkeit, seinen Hang zum Genuß, seine Trieb- und Instinktgebundenheit und sein Angewiesensein auf Befriedigung primärer Bedürfnisse. Pestalozzi begreift diese ,niedere' Natur vorerst als wertfrei, wertet sie aber immer dann als gefährdend, wenn die aus dem Selbsterhaltungstrieb entstehende Selbstsucht nicht in Schranken gehalten werden kann. Es ist bezeichnend für ihn, daß er diese animalische Natur auch als den Nährboden anerkennt, aus dem all jene Formen menschlichen Seins entkeimen, die den Menschen über das Tier hinausheben: seine menschliche Weise des Denkens, Fühlens und Handelns, seine Möglichkeit der Freiheit, sein Glauben und Lieben, sein Gewissen. Diese ,höhere' Natur ist zwar ihrem Wesen nach unabhängig von er animalischen Basis, sie beruht auf einer selbständigen Kraft im Menschen, dem ,göttlichen Funken', sie entfaltet sich aber im Laufe der individuellen Entwicklung von der Geburt bis ins Erwachsenenalter kontinuierlich aus der Tiernatur, da sie in dieser als Keim, als Anlage, als Kraft eingegossen und zur ,Emporbildung' bestimmt ist. [....]" 2

Aus diesen Grundüberlegungen heraus entwickelte Pestalozzi sein Erziehungskonzept. ,,Erziehung muß unter allen Umständen naturgemäß sein. Sie hat einerseits von den naturgegebenen Anlagen und Kräften des Menschen auszugehen und diese ,vollumfänglich und harmonisch zu entfalten'; andererseits hat sie sich nach der Bestimmung des Menschen auszurichten, ein Ziel, das seinerseits in der Natur des Menschen begründet ist und von Pestalozzi als sittlich-religiöse Existenz aufgefaßt wird. [...] Pestalozzis bekannte Einteilung der natürlichen Kräfte und Anlagen in drei Bereiche. des Herzens, des Kopfes und der Hand, somit die Unterscheidung der sittlichen, der intellektuellen und der physischen Grundkräfte, hat für ihn durchaus praktische Bedeutung, denn nach seiner Überzeugung entfalten sie sich, wiewohl in ihnen eine Tendenz zur eigenständigen Höherentwicklung wirkt, nach eigenen, unterschiedlichen Gesetzen. Der Gefahr, daß sich diese drei Kräfte verselbständigen und das Individuum dadurch seine Identität verliert, begegnet nach Pestalozzis Überzeugung die Natur selbst, indem sie den Menschen mit einer gleichsam alles verbindenden Kraft, mit einem ,hohen, heiligen, inneren Band' ausgerüstet hat, das das Zusammenwirken der dreifach verschieden ausgebildeten Kräfte sichert. Freilich bedarf auch diese Kraft der Entfaltung durch die Erziehung. Konkret handelt es sich bei ihr um die alles verbindende Liebe. Sie allein gewährleistet die Identität des Menschen mit sich selbst. Da aber diese Liebe gleichbedeutend ist mit den gebildeten Kräften des Herzens, so folgt daraus die Forderung der Unterordnung der Kräfte des Kopfes und der Hand unter die gebildeten Herzenskräfte, unter Glauben und Liebe. Nur durch diese Unterordnung sind die Resultate der geistigen und der physischen Bildung, Veredelung und Befriedigung unserer Natur durch Wahrheit und Recht, durch Arbeit und Kunst, zu er-zielen, nur durch diese Unterordnung ist eine echt harmonische Entwicklung aller Kräfte möglich. Nur in einer solchen Gemeinbildung aller Kräfte entfaltet sich die höhere Natur des Menschen, um sich über die Selbstsucht der tierischen Natur zu erheben. Einzig durch diese harmonische Emporbildung aller natürlichen Anlagen auf die Stufe der Sittlichkeit gewinnt der Mensch seine volle Menschlichkeit.

Insofern nun das Leben selbst dem Menschen überall die Unterordnung seiner selbstsüchtigen Strebungen unter seine höhere Natur abverlangt, und soweit der Mensch sich seiner natürlichen Bestimmung und den natürlichen Gesetzen seiner Entwicklung unterwirft, insofern ist das Leben selbst bildend. Dem Leben selbst gebührt vor jeder künstlich geschaffenen pädagogischen Institution in der Erziehung der Vorrang. Die Schule muß daher dem natürlichen pädagogischen Milieu des Kindes, der Wohnstube, den Primat überlassen und deren Geist aufnehmen. Sie muß alles Gekünstelte, Lebensfremde abstreifen. Nur dann kann ein Kind in die Lebenswirklichkeit hineinwachsen, die nicht nur seine natürliche (...) menschliche Entfaltung bringt, sondern ihm auch in jeder Anwendung seiner Kräfte die Unterordnung der selbstsüchtigen Strebungen seiner Tiernatur unter seine gebildete höhere Natur zur Gewohnheit macht." 2

Pestalozzis Bildungskonzeption umfaßt die Schulpädagogik, die Erwachsenenbildung und vor allem die Sozialpädagogik. Dabei ging Pestalozzi von den Lebensbereichen des Menschen aus; der Mensch lebt in drei konzentrischen Kreisen:

- erster Kreis: die ,,Wohnstube", das Vaterhaus, die Familie;

- zweiter Kreis: die Berufs- und Standeswelt;

- dritter Kreis: das Vaterland, das Volk.

Die drei Kreise sind aufeinander angewiesen; jeder einzelne kann nur in Ordnung sein, wenn auch in den beiden anderen Ordnung herrscht - eine Einsicht, die lange vernachlässigt und erst in der modernen Pädagogik wieder entdeckt wurde. Ausgangspunkt ist die Mutter-Kind-Beziehung. Sie ist das Vorbild für die übrigen Erziehungsbereiche. Die Atmosphäre in der Schulstube soll ähnlich sein wie in der Wohnstube.

Die Berufserziehung orientiert sich an praktischen, manuellen Tätigkeiten. Ein Überspringen des Realen führt zu bloßem Reden, zum "Maulbrauchen" und schadet der Persönlichkeitsbildung.

Die weitere Erziehung soll eine politische Haltung fördern. Die erwachsene Persönlichkeit soll "patriotisch" gesinnt sein. Damit meint Pestalozzi nicht eine nationalistische Einstellung, sondern aktives Interesse an der Gesellschaft.

Vergleicht man diese Ausführungen über Pestalozzis Menschenbild und sein Bildungskonzept mit dem Bildungsauftrag des Gymnasiums, so stellt man fest, daß Pestalozzi bis heute nichts von seiner Aktualität verloren hat:

Die allgemeinen Leitlinien für den Erziehungs- und Bildungsauftrag der Schulen in Nordrhein-Westfalen sind in der eingangs zitierten Landesverfassung und in den Schulgesetzen formuliert.

Das Gymnasium vermittelt auf dieser Grundlage eine allgemeine Bildung mit dem Ziel, die Schülerinnen und Schüler zur mündigen Gestaltung des Lebens in einer demokratisch verfaßten Gesellschaft zu befähigen. Es bietet ihnen Anregungen und Hilfen, ihre individuellen Anlagen zu entfalten und eigene handlungsbestimmende Werthaltungen aufzubauen.

Bildung in diesem Sinne soll den Schülerinnen und Schülern helfen, die Wirklichkeit in ihren vielfältigen Dimensionen zu erschließen und es ihnen ermöglichen, sie zunehmend verantwortlich mitzugestalten. Eine solche Bildung wird in Auseinandersetzung mit den Phänomenen der Natur und der Gesellschaft, ihren Strukturen und Gesetzmäßigkeiten, den kulturellen Traditionen und der gegenwärtigen kulturellen Wirklichkeit entwickelt. Sie ist durch Komplexität der Fragestellungen und Methodenbewußtsein gekennzeichnet.3

2 Breihlmeier (Hrsg.): J.H. Pestalozzi: Auswahl aus seinen Schriften; Bern/Stuttgart 1979

3 Richtlinien u. Lehrpläne für das Gymnasium - Sek. I - in NRW